San Francisco - Das Beben von 1906
In den Morgenstunden des 18. April werden die Bewohner San Franciscos
brutal aus dem Schlaf gerissen. Der Beginn einer großen amerikanischen
Katastrophe. Häuser zerfallen und reißen die Bewohner in den Tod -
Hunderttausende werden obdachlos. Feuer und politische
Fehlentscheidungen fordern weitere Menschenleben. Eine der schönsten
Metropolen der USA versinkt in Schutt und Asche.
Metropole mit bewegter Geschichte
"Paris des Westens" San Francisco hat rund 750.000 Einwohner und ist
heute eine der wichtigsten Wirtschaftsmetropolen am Pazifik. Das so
genannte "Paris des Westens" gilt als besonders europäisch und
charmant. Sein einzigartiger Charakter ist über Jahrhunderte gewachsen
und hat seinen Ursprung in einer bewegten Geschichte. Drei wesentliche
Ereignisse bestimmen die Geschichte des amerikanischen Westens: Die
Entdeckung von Gold im American River, dann die Eisenbahnverbindung von
West nach Ost - und das Beben von San Francisco im Jahre 1906.
Symbol für Optimismus und Erfolg
Der Goldrausch verwandelt San Francisco: Aus dem gemütlichen
Grenzstädtchen wird ein "Eldorado", das immer mehr Glücksucher aus der
ganzen Welt anlockt - unter ihnen auch Italiener, Franzosen und
Deutsche. 1906 füllt ein Häusermeer mit fast 400.000 Einwohnern die
Bucht. Das Werk engagierter Architekten, der Reichtum macht es möglich.
San Francisco ist zum Symbol für Optimismus, Erfolg und einen
gepflegten Lebensstil geworden. Doch eine Stadt, die so schnell wächst,
hat auch ihre dunklen Seiten. Rassismus, vor allem gegen chinesische
Einwanderer, ist weit verbreitet. Gesetzlosen bietet die Stadt
Anonymität.
James Delalessandro (Autor und Historiker) über die hohe Kriminalität in San Francisco:
"San Francisco war ein ziemlich kriminelles Pflaster. Es gab etwa 3000
Prostituierte, die im Hafengebiet regelmäßig ihre Freier verschleppten.
Dutzende von Männern landeten als unfreiwillige Matrosen auf
Segelschiffen. In vielen Stadtteilen wimmelte es von Räubern und
Dieben. Wer dort wohnte und das Haus verließ, riskierte sein Leben."
Korruptionsskandale
Dabei gehen die kriminellen Machenschaften nicht immer von den Ärmsten
aus. Vom Polizisten über die Händler bis hin zu den Politikern - jeder
will auf seine Art am Goldrausch mitverdienen. Korruptionsskandale
machen auch vor dem Rathaus nicht halt - und betreffen sogar den
Bürgermeister persönlich. Eugene Schmitz war eigentlich Musiker und
Dirigent am "Columbia Theatre", bevor er zum Bürgermeister San
Franciscos gewählt wurde. Sie nannten ihn den hübschen "Gene". Er war
1,80 groß, hatte einen festen Händedruck und besaß die Fähigkeit, sich
die Namen aller Personen zu merken, die er traf. Er hatte eine
charmante Persönlichkeit. Und diese Eigenschaft nutzte er, um an das
Geld anderer zu kommen.
Volle Kassen, marode Feuerwehr
Am Abend vor dem großen Beben erfährt Eugene Schmitz, dass er ins
Visier einer großen Korruptionsuntersuchung geraten ist und ein
Untersuchungsausschuss eingeleitet wurde. Sein Amt ist gefährdet. Das
Zusammentreffen der Ereignisse an diesem 17. April ist bemerkenswert.
Es war das Ziel Präsident Roosevelts die illegalen Machenschaften von
Polikern zu unterbinden und die Korruption in den amerikanischen
Städten zu zerschlagen. Während der Bürgermeister die Kassen plündert,
kämpft Dennis Sullivan, der Chef der Feuerwehr, seit Jahren vergeblich
um die notwendige Modernisierung seiner Löschzüge.
Trügerische Ruhe
Die ersten Minuten nach dem Beben
Am 17. April 1906, am Abend vor dem großen Beben, trifft sich die
gehobene Gesellschaft San Franciscos in der Oper. Man freut sich auf
den Auftritt von Enrico Caruso. Der Tenor wird in Georges Bizets
"Carmen" singen. Der Italiener ist bereits eine lebende Legende. Es ist
das größte Ereignis der Saison und lockt Richter, Neureiche und
Goldbarone an. In der Pause treffen sich die Gäste im Foyer. Unter
ihnen der deutsche Fotograf Arnold Genthe, der wenig später alles
verlieren wird, was er sich mühsam aufgebaut hat.
Talent als Schriftsteller
Auch der Journalist James Hopper ist unter den Zuschauern. Er hat den
Auftrag, über Caruso zu berichten. Sein Talent als Schriftsteller wird
jedoch erst nach der großen Katastrophe entdeckt. Er beschreibt sie in
seinen Tagebüchern. Für den begeisterten Hopper war Carusos Auftritt
der Höhepunkt menschlicher Emotionen. "Wenn ich heute darüber
nachdenke, muss ich fast lachen.", wird er nach dem Beben
protokollieren.
Der Abend des 17. April 1906 neigt sich dem Ende zu. Die Nacht ist
ruhig. Nur die Haustiere schlagen Alarm. Aber niemand bemerkt das
drohende Unheil. Auch nicht im Hause der Dulbergs, wo eine Frau in
ihren Wehen liegt. In den Morgenstunden des 18. April, gegen 5:13 Uhr,
bebt plötzlich die Erde. Bernhard Dulberg versucht seine Kinder in
Sicherheit zu bringen. Vielerorts bricht Feuer aus. James Hopper wird
in seinem Zimmer im Neptun Hotel förmlich aus dem Bett geschleudert:
"(Das Beben) begann mit einer Direktheit, einer solch wilden
Entschlossenheit, dass keine Zweifel über seine Absichten bestanden."
Zusammenfallende Häuser
Arnold Genthe wird in seinem Studio überrascht, wo er übernachtet. Er
muss tatenlos zusehen, wie alles zerstört wird. Später erinnert sich
der Fotograf: "Wenn ein Haus so zittert und bebt", dachte ich, "dann
muss irgendwann die Decke einstürzen." Nicht ganz San Francisco ist
gleichermaßen vom Erdbeben betroffen. Teile der Stadt liegen außerhalb
des Epizentrums. Aber wo das Beben wütet begräbt es die Menschen unter
dem Schutt der zusammenfallenden Häuser.
In Downtown, südlich der Marketstreet sind die Dulbergs eingeschlossen.
Eine verrammelte Tür hindert sie an der Flucht aus der brennenden
Wohnung. Das lockere Fundament hat nachgegeben. Dulbergs Haus liegt
schief, Tür und Wände sind hoffnungslos verkeilt. Die Familie ist
gefangen. Wenige Kilometer entfernt, in Chinatown, stürzen Tempel und
Holzhäuser ein. Auf wundersame Art wird der 15-jährige Chinese Hugh
Liang von seinem Vetter gerettet. "Ich habe fest geschlafen, als mein
Bett plötzlich zu schaukeln anfing und Teile der Decke herab fielen.
Ich träumte, auf einem Boot zu sein, und hatte Angst, zu ertrinken."
"Furchtbare Stille"
Nach etwa zwanzig Sekunden entlässt das Beben mit einer Stärke von 7,9
auf der Richter-Skala die Menschen aus seinen Klauen. Niemand macht
sich zu diesem Zeitpunkt ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung. Doch ist
es wirklich schon vorbei? Das Schlimmste überstanden? Hopper: "Ich
bemerkte eine große Stille. Kein Rufen, kein Laut, nicht ein
Schluchzen. Eine furchtbare Stille." Die Ruhe ist trügerisch und nur
von kurzer Dauer. Nur 15 Minuten nach den ersten Erschütterungen,
werden bereits über fünfzig Brandherde gemeldet. Auch aus Dulbergs Haus
schlagen Flammen, doch in letzter Minute kommt Hilfe. Mutige
Nachbarsjungen eilen herbei. Ihnen gelingt es, die verkeilte Tür mit
Gewalt zu aufzubrechen. Dulbergs Frau und das während der Katastrophe
geborene Kind haben überlebt, doch sie brauchen ärztliche Versorgung.
Wenige Kilometer nordöstlich hat auch Hugh Liang das Unglück zunächst
überstanden. Aber nach dem Verlassen seiner Wohnung, steht er vor dem
Nichts. "Ich habe alles, was ich besaß, in eine alte Truhe gelegt und
mich draußen auf die Straße gesetzt. Wie sollte es jetzt weitergehen in
diesem Chaos?"
Traumatisierte Stadt
Zerstörung durch Beben ist erst der Anfang
Bereits zehn Jahre vor dem Beben war der Andreasgraben kartographiert
worden. Eine gefährliche Spalte zwischen zwei Erdplatten. Die Geologen
hatten die Bedeutung des Grabens unterschätzt. Die Ursache für das
plötzliche Beben und den Zusammenbruch ganzer Stadtteile konnte sich
kaum jemand erklären. Viele glaubten an große Höhlen, die unter der
Stadt eingestürzt waren. Tatsächlich aber war die Spannung zwischen den
beiden Erdplatten so groß geworden, dass sie sich über die Oberfläche
entladen musste. Die Bebenwellen zerrissen San Francisco förmlich in
zwei Teile. Die Spalten zogen sich durch die ganze Stadt. An einigen
Stellen waren sie bis zu acht Meter breit.
Im Schlamm versunken
Eugene Schmitz, der in seinem Wohnviertel vom Beben wenig mitbekommen
hat, macht sich ein erstes Bild vom Ausmaß der Katastrophe. Neben den
vielen Einstürzen sind besonders in Hafennähe viele Häuser im Schlamm
versunken. Ursache ist das rasante Anwachsen der Stadt während des
Goldrauschs. Glückssucher setzten ihre Schiffe in den Sand und bauten
Häuser darauf, die keine Fundamente besaßen. Noch heute stehen Teile
San Franciscos auf diesem schwammigen Untergrund. Wenn bei einem Beben
durch seismische Wellen Grundwasser an die Oberfläche gedrückt wird,
verflüssigt sich das Erdreich. Die Folge: alles versinkt. Mehrere
hundert Menschen ertrinken am diesem 18. April im Schlamm.
Spärliche Überreste
Arnold Genthe dokumentiert das Gesicht einer traumatisierten Stadt.
Seine Fotografien zeigen das Unbegreifliche: Das Paris des Westens ist
ausgelöscht. Die spärlichen Überreste sind Zeugen einstiger Pracht. Das
Call Building ist inmitten all der Zerstörung ein Überbleibsel
architektonischer Höchstleistung, ausgerechnet das größte Bauwerk San
Franciscos hat das Beben überstanden. Trotz weiterer schwerer Erdstöße
steht das historische Gebäude noch heute. Statiker hatten schon damals
Techniken entwickelt, die die seismischen Wellen ausgleichen konnten.
Stephen Tobriner (Architekturhistoriker) über die Technik des Call
Buildings: Die Kreuzverstrebungen verleihen dem Gebäude die nötige
Steifheit, sie verhindern eine Krümmung und das Wegrutschen des
Hochhauses. Wenn sich das Gebäude in diese Richtung bewegt, hält es
diese Verstrebung in Position, während die andere Seite dagegen hält.
Und sobald die Schwingung in die andere Richtung geht, dreht sich der
Prozess um und sorgt so für Stabilität. Für den Turm und viele andere
Gebäude, die das Beben überstanden haben, ist die erste Welle der
Gefahr an diesem 18. April vorüber. Doch die Erschütterungen sind nur
der Anfang. Vom Wind angefacht, bahnt sich eine Feuerwand ihren Weg
durch die Stadt. Die Flammen werden von zerstörten Gasleitungen,
auslaufenden Treibstoffen und brennbaren Trümmern genährt. Innerhalb
weniger Stunden brennt die halbe Stadt. Selbst die Feuerwehr verliert
Gebäude und Material. Die verbleibenden Einsatzkräfte tun ihre Bestes.
Hilflose Feuerwehr
Viele Wasserleitungen sind während des Bebens zerbrochen. Die Feuerwehr
ist hilflos. Unmengen von Löschwasser versickern nutzlos im Boden.
James Hopper wird Zeuge des hoffnungslosen Kampfes der Feuerwehrleute.
Er protokolliert: "Ohne Wasser bekämpfen sie die Brände mit Äxten,
Säcken und sogar bloßen Händen. Sie merken dabei kaum, wie der Atem des
Feuers ihre Kleidung und ihre Haut versengt." Feuerwehrchef Sullivan
ist in seinem Haus von den Trümmern verschüttet worden und schwer
verletzt. Verzweifelt versuchen ihn seine Männer zu befreien. Die
Feuerwehr ist führungslos. Der Familienvater Bernhard Dulberg wird bei
dem Versuch in sein Haus zurück zu kehren gestoppt. Polizei und
Sicherheitskräfte haben die Kontrolle übernommen und verweigern den
Zutritt. So wie Dulberg, verlassen an diesem Morgen tausende von
Menschen ihre verwüsteten Behausungen.
Aussichtsloser Kampf
Feuersbrunst hält die ganze Stadt in Schach. Etwa zwei Stunden nach dem
Beben, fährt Bürgermeister Schmitz zum Rathaus. Doch von seinem
Amtssitz stehen nur noch Teile der Fassade. Das Rathaus war der Stolz
der ganzen Stadt. Eigentlich hätte das aufwändige Gebäude dem Beben
Stand halten sollen. Das Schicksal hat anders entschieden. Heute ist
das Rathaus von San Francisco mit einer speziellen "Federung"
ausgerüstet, die Druckwellen absorbieren kann. Stahlplatten und Säulen
wirken als Puffer zwischen Fundament und Erdoberfläche.
Willkommene Gelegenheit
Um die Stadt im Chaos weiter regieren zu können, verlagert Eugene
Schmitz seinen Amtssitz ins Gerichtsgebäude. Auf seiner Fahrt erkennt
Schmitz allmählich das ganze Ausmaß der Zerstörung. Für Ihn ist das
eine Möglichkeit als Führer zu glänzen und von den Korruptionsvorwürfen
abzulenken. Es ist zwar eine Tragödie, aber auch eine willkommene
Gelegenheit für den Bürgermeister. Nur wenige Stunden nach dem Beben
wir der Bürgermeister selbst Zeuge von ersten Plünderungen. Schmitz
steht unter Druck und formuliert bereits in Gedanken ein Gesetz gegen
das Verbrechen. Doch die Ereignisse holen ihn ein. Eine Machtprobe
bahnt sich an, als ohne sein Einverständnis die Armee aufmarschiert.
Der Offizier, der die Truppen in die Stadt geschickt hat, ist der
General Frederick Funston, bekannt als harter und unbestechlicher Kriegsheld.
James Delalessandro (Autor und Historiker) über General Funstons Verhalten:
"Frederick Funston hasste Eugene Schmitz. Er verachtete die Politik des
Rathauses. Vor allem die weit verbreitete Korruption. Schon früher
hatte er damit gedroht, eines Tage das Rathaus zu besetzen und
aufzuräumen. Dass er und Schmitz beschlossen, zusammen zu arbeiten, ist
eine der unerwarteten Wendungen der Geschichte."
Harter Schießbefehl
General und Bürgermeister wollen alle städtischen und militärischen
Mittel nutzen, um San Francisco vor dem Untergang zu bewahren. In
seinem plötzlichen Drang, Ordnung zu schaffen, erlässt Schmitz einen
überaus harten Schießbefehl. Für Polizisten, Soldaten und freiwillige
Helfer die Aufforderung zu Töten. James Hopper erlebt in der
Zwischenzeit die dramatischen Folgen des Bebens hautnah in einem der
Krankenhäuser: "Im Inneren des Krankenhauses lagen 125 Verwundete und
acht Tote. Einer der schwer Verletzten war Dennis Sullivan, der Chef
der Feuerwehr. Ich ahnte, dass das Beben nur ein Vorspiel war - die
wahre Tragödie würde das Feuer schaffen."
Verletzter Feuerwehrchef
Am Morgen des 18. April überschlagen sich die schlechten Nachrichten:
Erst das Erdbeben, dann brechen die Feuer aus. Doch Feuerwehrchef
Sullivan liegt schwer verletzt im Krankenhaus und niemand kann sagen,
wann er wieder im Einsatz sein kann. Das ist nicht nur für Eugene
Schmitz eine Katastrophe, sondern für ganz San Francisco. Seines
Feuerwehrhauptmanns beraubt, übergibt Schmitz die Führung an John
Dougherty, Sullivans Stellvertreter. Dougherty ist nicht mehr der
Jüngste. Er und seine Männer führen einen aussichtslosen Kampf gegen
die Feuersbrunst, die mittlerweile die ganze Stadt in Schach hält und
bei vielen tiefe Spuren hinterlässt. Der Journalist James Hopper
protokolliert: "Das auf und nieder wogende Flammenmeer breitet sich mit
tosendem Gebrüll und rasender Geschwindigkeit aus. Ihre vorauseilenden,
wabernden Rauchschwaden wälzen sich wie ein Monstrum über das Treibgut
fliehender Menschen."
Explosive Strategie
Schneise soll den Feuersturm bändigen
Die Feuerwehr hat den Kampf gegen die Flammen verloren. Den Menschen
hilft nur noch die Flucht. Eine letzte Hoffnung ist General Funston.
Mit seinen Soldaten sprengt er ganze Häuserzeilen weg, um dem Feuer den
Weg abzuschneiden. Schmitz erlaubt die Sprengungen. Doch leider
erreichen die Explosionen nicht die erhoffte Wirkung. Die Flammen
breiten sich schneller aus als zuvor. Doch die Armee hält an ihrer
Strategie fest.
Hohe Entflammbarkeit
Als ihr kleiner Vorrat an Dynamit verbraucht war, benutzen Soldaten und
Feuerwehrmänner Schwarzpulver, Schießbaumwolle und Dynamitgranulat.
Drei Stoffe mit niedriger Explosionswirkung, aber hoher
Entflammbarkeit. Was das Inferno stoppen soll, facht zusätzliche Feuer
an und weitet die Katastrophe noch aus. Viele tausend Menschen haben
ihre Häuser verloren und retten sich mit ihren Habseligkeiten in
Notunterkünfte am Stadtrand.
Nicht alle Familien haben die Katastrophe so gut überstanden, wie die
Dulbergs. Und auch auf sie warten weitere Prüfungen. Die Verwüstung in
der Stadt hat einen rechtsfreien Raum geschaffen, in dem das Gesetz des
Stärkeren gilt. Das Ausmaß an Plünderungen, Mord und Chaos hat nach dem
Schießbefehl des Bürgermeisters zugenommen. Aber es gibt auch
Einheiten, die versuchen, die Ordnung in der Stadt wieder herzustellen.
Gesunde Männer wie Bernhard Dulberg sind dazu verpflichtet, die Straßen
zu räumen für Krankentransporte. Die Arbeiter werden von den
Sicherheitskräften bewacht.
Fluchtpunkte Hafen und Parks
Unterdessen gehen die Sprengungen weiter. Immer mehr Häuser werden dem
Erdboden gleich gemacht. Während viele Flüchtlinge zu den Fähren im
Hafen fliehen, retten sich Andere in die Parks der Stadt. Hungrig,
durstig und von Flammen bedroht, brauchen diese Menschen dringend
Hilfe. Bürgermeister Schmitz, der sich nun selbst in einem Zeltlager
befindet, veranlasst, dass die Flüchtlingsströme in den Golden Gate
Park und zur Armeebasis gelenkt werden, wo Bedürftige besser versorgt
werden können. Unterdessen fahren Militärlaster Lagerhäuser und
Bäckereien an und beschlagnahmen tonnenweise Kartoffeln und Brot für
das Gemeinwohl. Viele ergreifen selbst die Initiative und errichten
Garküchen, um sich und Andere zu versorgen.
James Delalessandro (Autor und Historiker):
Die Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung begannen unmittelbar nach dem
Erdbeben. Jemand hatte Güterwagons mit lebenden Hühnern entdeckt und
brachte die Tiere in die Stadt. Die Stadt Los Angeles schickte Ärzte,
Sanitäter und Medizin, die 14 Stunden nach dem Beben eintrafen.
Auch Hugh Liang wird evakuiert und einem Militärlager zugeführt, wo er
sich ein Zelt mit einem anderen Waisenjungen teilt. Liang: Während der
ganzen Zeit brannte die Stadt immer weiter. Das Feuer war so intensiv
und der Wind so heftig, dass die Funken bis zu uns herüber geweht
wurden. Zum Glück hatten wir hier Wasser und konnten unser Zelt
befeuchten, um zu verhindern, dass es Feuer fing.
"Alle gaben ihr Bestes"
Innerhalb der Lager kümmern sich Geistliche um die Verzweifelten. Der
Fotograf Arnold Genthe hält die Atmosphäre im Camp mit der Kamera fest:
"Ich verbrachte die Nacht in diesem Park, mit Tausenden anderen , die
sich in der selben misslichen Lage befanden wie ich. Manchmal hatte ich
das Gefühl, als ob dort ganz normale Menschen campen würden und nicht
Flüchtlinge einer Katastrophe. Alle gaben ihr Bestes, um ihr Elend zu
überwinden und sie strahlten sogar Zuversicht aus." Ein schwarzer Tag
in der Geschichte San Franciscos geht zu Ende. Manche finden etwas
Schlaf während andere kein Auge zu tun. Die Flammen drohen nun auch,
auf den Westen der Stadt überzugreifen, der bisher verschont geblieben ist.
Das Feuer tobt weiter
Kampf ums Fährterminal als heldenhafteste Leistung
Noch immer findet die Tragödie kein Ende. Die Brände vernichten immer
größere Teile der Stadt. Auch die Parks sind zunehmend bedroht. Wieder
sind viele auf der Flucht, darunter Hugh Liang, der auf einem
Militärboot Unterschlupf sucht. Zu seiner Verwunderung wird Hugh Liang
trotz seiner fremdländischen Herkunft ohne Murren aufgenommen: "Sie
nahmen mich mit nach Napa und gaben mir sogar etwas Geld. Ich war froh,
zu erleben, dass es Amerikaner gab, die nichts gegen mich hatten,
obwohl ich chinesischer Abstammung war."
Funktionierende Soforthilfe
Während Hugh Liang der brennenden Stadt den Rücken kehrt, erreichen
immer mehr Schiffe mit Hilfsgütern die Bucht. Eine der größten zivilen
Hilfsaktionen der USA. Präsident Roosevelt stellt mehr als eine
Millionen Dollar Soforthilfe zur Verfügung. Daneben hunderte Waggons
mit Lebensmitteln, Zelten, Matratzen und Decken. Doch während die
Hilfsmaßnahmen langsam zu greifen beginnen, verschlingt der Feuersturm
einen Häuserblock nach dem anderen. Die aufsteigende Luft verursacht
einen Sog wie in einem Kamin, der die Feuersbrunst wie ein rasendes
Geschoss hinter sich her zieht und alles auf seinem Weg vernichtet. Vom
Wind angetrieben, dringen die Feuer bis zur Van Ness Avenue vor. Um zu
verhindern, dass das Inferno die Flüchtlingslager erreicht, lässt
Bürgermeister Schmitz auch hier ohne Rücksicht auf Verluste Schneisen
sprengen.
Feuerwalze Richtung Park
Im Golden Gate Park verbreitet sich das Gerücht von einer rasenden
Feuerwalze, die schon bald das Lager erfassen soll. Müde ziehen die
Flüchtlinge weiter zu den Fähren, von denen sie sich Rettung erhoffen.
Unter ihnen ist auch der Opernstar Enrico Caruso. Nach einer
traumatischen Nacht im Park, will er nichts wie weg. Mehr als
zehntausend Menschen strömen auf die Fähren zu. Jeder kämpft um einen
Platz an Bord. Caruso und viele Andere haben Glück. Sie erreichen die
andere Seite der Bucht. Hungrig ziehen die Brände unaufhaltsam weiter
bis plötzlich der Wind nachlässt. Und schließlich zeigen die
Sprengungen ihre Wirkung. Das von General Funston geräumte Terrain wird
von den Flammen nicht überwunden. Doch die Soldaten begehen einen
Fehler. Im Eifer des Gefechts sprengen sie ein Gebäude, in dem mehrere
tausend Liter Alkohol gelagert sind. Nach der Explosion frischt der
Wind wieder auf und treibt die Flammen diesmal in Richtung Osten - neue Panik entsteht.
Befehl kommt zu spät
Schmitz fordert die sofortige Einstellung der Sprengungen, doch der
Befehl des Bürgermeisters kommt zu spät. Das Feuer erfasst die
Anlegestellen, die für Tausende die letzte Rettung sind. Damit die
Flüchtlinge überhaupt Platz auf den überfüllten Schiffen finden, müssen
viele ihr Gepäck zurücklassen. Es geht ums nackte Überleben. Die
Soldaten überwachen die Evakuierung. Verzweifelt versuchen
Marinesoldaten, unter der Führung von Frederick Freemann, die Flammen
vom Meer aus zurückzudrängen. An Land kämpfen die übermüdeten
Feuerbrigaden gegen die Flammen. Der Kampf um die Rettung des
Fährterminals und des Hafenpiers ist mit Sicherheit eine der
heldenhaftesten Leistungen in der ganzen Katastrophe. John Dougherty
schart alle seine Männer um sich. Er ist sich absolut bewusst darüber,
dass das Schicksal vieler tausend Menschen von ihnen abhängt. Dougherty
an Land - und Freeman auf dem Wasser. Feuerwehr und Marine in einem
aussichtslosen Kampf.
James Delalessandro (Autor und Historiker) über den Helden Freeman:
Wenn es einen Helden in dem ganzen Desaster gibt, dann ist es Frederick
Freeman von der US Marine. Ohne Schlaf, ohne Pause und ohne Wasser
blieb dieser Kommandant auf seinem Posten und kämpfte entlang der
Uferlinie solange weiter, bis auch die letzten Flammen erloschen waren.
Nach der Katastrophe
Die Schicksale der Protagonisten
Schließlich zeigt der Widerstand Wirkung. Die Feuerwehr improvisiert
mit nassen Säcken, Bettlaken und Decken, bis nur noch der Dampf in den
Straßen steht. Nach etwas mehr als drei grauenvollen Tagen ist die
Schlacht endlich gewonnen. Es herrscht Ruhe über der zerstörten
Metropole. Der Fotograf Arnold Genthe hat auch die bewegenden Momente
dieses Tages mit der Kamera festgehalten.
James Delalessandro (Autor und Historiker) über Genthes Fotos:
"Das wirklich Außergewöhnliche an Arnold Genthes Fotos ist, dass er
nicht nur das Desaster zeigte, sondern auch die Schicksale dahinter.
Wie er die Menschen porträtierte, und deren Reaktionen, und wie er sie
den Flammen, dem Rauch und den Trümmern gegenüber stellt, gerade das
macht seine Aufnahmen so eindrucksvoll."
Mit dem Feuer verbunden
Mehr als siebenhundert Menschen haben bei Einstürzen und durch
Verbrennungen ihr Leben gelassen. Unter ihnen auch Helfer und
Einsatzkräfte. In einer Geschichte, in der es an menschlichen
Verwicklungen nicht mangelte, sollte Dennis Sullivans Schicksal nicht
unerwähnt bleiben. Der ehemalige Chef der Feuerwehr stibt ungefähr
einen Tag nach der Löschung des letzten Feuers. Irgendwie schien es,
als wenn seine Seele mit dem Feuer verbunden gewesen wäre. Einem Feuer
und einem Inferno, auf dessen Bekämpfung er sich sein ganzes Leben lang
vorbereitet hatte. Dennis Sullivan ist es zwar nicht gelungen, San
Francisco vor dem Feuer von 1906 zu bewahren, doch 83 Jahre später,
1989, tragen seine Ideen dazu bei, die Stadt vor den Folgen eines
weiteren Bebens zu schützen. Heute besitzt die Stadt eine der
modernsten Feuerwehren des ganzen Landes. Eine Konsequenz aus den
frühen Warnungen Sullivans.
Vor dem Neuanfang
Die meisten Opfer der Katastrophe, stehen 1906 vor einem Neuanfang.
Hugh Liang hat Glück im Unglück. Als er in Napa vom Schiff steigt,
trifft der 15-Jährige zufällig auf Verwandte und wird in seiner Not von
ihnen aufgenommen. 1912 gründet er ein Varietetheater, das
ausschließlich aus Chinesen besteht. Er entwickelt sich zu einem
renommierten Broadwaykünstler. Hugh Liang stirbt im Alter von 94
Jahren. Viele andere Katastrophenopfer irren orientierungslos durch die
Ruinen. Wie Bernhard Dulberg und seine Familie haben viele ihre
Existenz verloren und sind auf eine Notunterkunft von der Stadt
angewiesen. Doch schon bald geht es besser, die Familie zieht in ein
größeres Haus, und die Schrecken des Bebens rücken allmählich in den Hintergrund.
Tagebücher als Bestseller
Die Tagebücher von James Hopper werden unterdessen zum Bestseller. Der
Schriftsteller gründet eine Familie und wird 80 Jahre alt. Auch Arnold
Genthe wird durch die Tragödie bekannt. Mit seinen Momentaufnahmen gilt
er später als einer der Begründer der modernen Fotografie. Der Künstler
stirbt im Alter von 73 Jahren in New York. Bürgermeister Schmitz wird
wegen Bestechung und Korruption angeklagt und zu fünf Jahren Gefängnis
verurteilt. Doch der schöne Gene geht in Berufung - und gewinnt.
James Delalessandro über das Glück im Unglück des Eugene Schmitz:
" Ich glaube, dass das Erdbeben und das Feuer Eugene Schmitz vor dem
Gefängnis bewahrt haben. Wäre er nicht diese heldenhafte Figur gewesen,
und hätte er durch die Katastrophe nicht zusätzlich an Popularität
gewonnen, dann wäre er sicher nicht auf freiem Fuß geblieben."
San Francisco hat 29.000 Gebäude verloren. Mehr als zwei Drittel der
ganzen Stadt. Doch die Metropole erholt sich schnell, steigt aus ihrer
Asche empor und zeigt sich schon bald in neuem Glanz. Bereits 1909 ist
das Stadtzentrum in einer beispiellosen Aufbauaktion wieder nahezu
vollständig. Das Beben von vor drei Jahren in Vergessenheit geraten und
in der Öffentlichkeit verschwiegen. Tausende Zeitzeugenberichte,
Interviews und Zeitungsartikel gelten als verschollen. Die Gefahr
potenzielle Investoren von der erdbebengefährdeten Ostküstenregion
abzuschrecken war einfach zu groß.
Das nächste Beben wird kommen
Nicht ganz 84 Jahre später, am 17. Oktober 1989, erfolgt das nächste
größere Erdbeben mit einer Stärke von 6,9 auf der Richterskala. 15
Sekunden reichen, um bis in eine Entfernung von 110 Kilometern große
Schäden anzurichten. Die Wahrscheinlichkeit für ein neues Großbeben
wird von Experten der "US Geological Survey" für die nächsten 30 Jahre mit 67 Prozent angegeben.
Die Protagonisten von "Das Beben von San Francisco":
Enrico Caruso: berühmter italiensicher Tenor
John Dougherty: stellvertretender Feuerwehrchef
Bernhard Dulberg: Familienvater
Frederick Freemann: leitender Marine-Soldat
Frederick Funston: General
Arnold Gente: deutscher Fotograf
James Hopper: Journalist, schreibt Tagebuch während der Katastrophe
Hugh Liang: 15-jähriger Chinese
Eugene Schmitz: Bürgermeister
Dennis Sullivan: Chef der Feuerwehr
www.michaelfriedel.de